Kirchengeschichtlicher Hintergrund

In den evangelischen Kirchen kam es im 19. Jahrhundert in den USA, in Großbritannien, in Skandinavien und auch in Deutschland zu Erweckungsbewegungen. Sie waren eine Reaktion auf den Zeitgeist des Rationalismus, der leider auch auf die Kirchen und deren Verkündigung Einfluss genommen hatte. Die Erweckungsbewegungen forderten zu persönlicher Frömmigkeit und zum Ernstnehmen der Bibel auf und lehnten die rationale Kritik an den biblischen Aussagen ab.

In Deutschland entstanden innerhalb der evangelischen Landeskirchen verschiedene regionale Erweckungsbewegungen. Einige von ihnen waren neu auf die kirchlich nur noch formal geltenden Bekenntnisschriften der Evangelisch-lutherischen Kirche (Konkordienbuch von 1546) aufmerksam geworden. Hier fanden sie Orientierung und Maßstab für ihr Bibelverständnis und ihre Verkündigung. Aus der Bibel und den Bekenntnisschriften schöpften sie auch eine neue Wertschätzung der Taufe und des Abendmahls.

In der Lüneburger Heide, in Hermannsburg, hatte Pastor Ludwig Harms ab 1846 mit seinen Predigten und Hausbibelstunden unter den Bauern eine solche Erweckung des Glaubens ausgelöst. In diesem Zuge bildete er auch Bauernsöhne als Missionare zur Aussendung nach Südafrika aus. Die Hermannsburger Gemeinde mit ihrer Erweckung und ihrer Afrika-Mission strahlte auch auf andere Gemeinden in Dörfern und Städten in einem Umkreis von bis zu 120 km aus und war insgesamt deutschlandweit bekannt geworden.

Von der Leitung (Konsistorium) der Hannoverschen Evangelisch-lutherischen Landeskirche wurden die Hermannsburger jedoch beargwöhnt und umgekehrt nahmen die Hermannsburger an verschiedenen theologischen Entscheidungen des Konsitoriums Anstoß:

1. 1862 hatte das Konsitorium für den kirchlichen Unterricht einen rationalistisch geprägten Katechismus in Kraft gesetzt. Aufgrund von Protesten hat ihn dann aber der hannoversche König zurückgezogen.
2. Nach der Annektion des Königsreiches Hannover durch Preußen 1866 wurde der evangelisch-reformierte preußische König formal auch Oberhaupt („Oberbischof“) der evangelisch-lutherischen Kirche von Hannover. Das stand im krassen Widerspruch zum ev.-luth. Bekenntnis.
3. In den Garnisonskirchen wurden auch reformierte und unierte Pastoren eingesetzt und reformierte Soldaten zum evangelisch-lutherischen Abendmahl zugelassen, obwohl sie im Abendmahl nur eine Symbolik sahen. Das verstieß eklatant gegen das ev.-luth. Bekenntnis.

Als die hannoversche Landeskirche dann 1876, aufgrund der staatlich neu eingeführten standesamtlichen Eheschließung auch für die kirchliche Trauung eine neue Ordnung (Agende) einführte, wollten die Hermannsburger ihre alte Trau-Agende beibehalten. Das wurde ihnen jedoch untersagt und die Pastoren, die darauf beharrten, wurden aus ihrem Amt entlassen. Dazu gehörte auch der Nachfolger des inzwischen verstorbenen Ludwig Harms (1808 - 1865), nämlich sein Bruder Theodor Harms (1819 - 1885). Ein Teil der Hermannsburger Gemeinde und Erweckung nahmen das hin und blieben in der Landeskirche. Doch ein beachtlicher Teil folgte den abgesetzten Pastoren, traten aus der Landeskirche aus und bildeten ab 1877 neue unabhängige ev.-luth. Gemeinden, die sich dann zur Hannoverschen Ev.-luth. Freikirche zusammenschlossen.


Gemeindegeschichte

Die St. Petri-Gemeinde Hannover ist also im Rahmen der Hannoverschen Ev.-luth. Freikirche 1877/78 vom Kaufmann Carl Rocholl zusammen mit Eisenbahnsekretär Ludwig Wilhelm Jahncke gegründet worden. Die Gründungsversammlung fand wohl im Geschäftshaus von Carl Rocholl in der Georgsstraße statt. In seinem Wohnhaus in der Hildesheimerstr. wurden dann die ersten Gottesdienste abgehalten. Er richtete für die Gemeinde zunächst ein Bethaus in der Krausenstraße ein. Die Gottesdienste wurden von angereisten separierten Pastoren gehalten.

Als 1884/85 die Gemeinde einen eigenen Pastor berufen wollte, kam es in der kleinen, weniger als 100 Gemeindeglieder umfassenden Gemeinde zu einer Auseinandersetzung über das Pastorenamt. Welche Stellung und welche Rechte ein Pastor in der Gemeinde haben solle, war in der ev.-luth. Theologie der damaligen Zeit in Deutschland und den USA ein aktueller Diskussions- und Streitpunkt. Diese Diskussion hatte leider anlässlich der Suche nach einem Pastor auch die St. Petri-Gemeinde erreicht. Während es in den straff zentralistisch geführten Landeskirchen eine universitäre akademische Debatte blieb, führte es bei den jungen staatsunabhängien ev.-luth. Kirchen und Gemeinden in Deutschland wie auch in den USA zu Spaltungen und neuen Formierungen.

Etwa die Hälfte der Gemeindeglieder – zusammen mit Carl Rocholl – wechselten unter Beibehaltung des Gemeindenamens 1884 zur Ev.-luth. (altluth.) Kirche in Preußen. Ein etwas kleinerer Teil schloss sich der Ev.-luth. Freikirche in Sachsen und anderen Staaten an und gründete die Bethlehemsgemeinde (ab 1887 in der Großen Barlinge 35). Eine kleine Zahl verblieb bei der Hannoverschen Evangelisch-Lutherischen Freikirche und versammelte sich in einem Kirchraum in der Marthastraße. Doch die altlutherische Kirche, mit Sitz in Breslau, konnte der hannoverschen St. Petri-Gemeinde über Jahre keinen Pastor entsenden. So kehrte die St. Petri-Gemeinde unter Vereinigung mit den Gliedern aus der Marthastraße 1922 wieder zur Hannoverschen Evangelisch-Lutherischen Freikirche zurück. Aber erst 1931 bekam die St. Petri-Gemeinde mit ihren etwa 200 Gemeindegliedern ein eigenes Pfarramt. Das führte bis 1938 zu einem Anwachsen der Gemeinde auf ca. 300 Glieder.

Nach dem 2. Weltkrieg hat der Pfarrer von St. Petri die aus den Ostgebieten vertriebenen und nach Niedersachsen gekommenen Altlutheraner in 8 Gemeinden mit insgesamt ca. 2.400 Gemeindegliedern im Reisedienst von Hannover aus gottesdienstlich versorgt.

Gleich nach Kriegsende hatte sich die „Hannoversche Evangelisch-Lutherische Freikirche “mit anderen kleinen selbständigen evangelisch-lutherischen Kirchen zusammengeschlossen. 1972 vereinigten sich die verschiedenen unabhängigen ev.-luth. Kirchen schließlich zur „Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche“ (SELK), zu der heute die St. Petri-Gemeinde wie auch die benachbarte Bethlehemsgemeinde gehören.
Heute gehören ca. 350 Glieder zur St. Petri-Gemeinde. Seit 2015 erteilt die St. Petri-Gemeinde Taufunterrichte für Iraner. Zur Zeit hat die Gemeinde 60 iranische Gemeindeglieder.


Das Kirchgebäude mit Pfarrhaus

Die St. Petri-Kirche in der Weinstr. 5 wurde 1902 im neuromanischen Stil erbaut.
Durch Bomben des 2. Weltkrieges wurde das Pfarrhaus, wie die meisten Häusern der Nachbarschaft, völlig zerstört, aber die Kirche selbst wurde größtenteils vor Zerstörung bewahrt. Allerdings ging das große bunte Altarfenster zu Bruch und musste durch ein neues ersetzt werden. Das Pfarrhaus wurde weitgehend in Eigenarbeit wiederaufgebaut. Der Kirchraum wurde dann im Jahr 1953 erweitert. 2017 wurde das Pfarrhaus umfangreich saniert und durch Dachausbau für die Pfarrwohnung konnten im Erdgeschoß zusätzliche Gemeinderäume gewonnen werden.

Pfarrdiakon Detlef Löhde